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Bericht über Fernando Paiva und sein Video "Child´s Play"
Zeitschrift Jazz Zeit / Oktober 2000
von Andreas Felber
Titel: Kein Kinder Spiel

"Du kannst nur gute Musik machen,wenn du über dich selbst lachen kannst", meint Fernando Paiva. Was als Statement im ersten Moment etwas einfach, vielleicht naiv anmutet, erfährt bei näherem Nachfragen eine fundierte, intellektuelle Begründung. Nur wer zur eigenen Person Distanz herstellen könne, sei auch zu Selbstkritik fähig, könne deshalb seine Arbeit verbessern.

Wohldurchdarchte Botschaften, versteckt hinter schlicht wirkenden Bildern und Worten: für das Denken des 35jährigen Brasilianers scheint dies durchaus charakteristisch. Was man schnell bemerkt, wenn man sich mit ihm über sein soeben fertiggestelltes, eigenproduziertes Video "Child´s Play" unterhält. Es ist Paivas erste eigene Veröffentlichung, dazu geeignet, ihn aus dem langen Schatten Alegre Correas treten zu lassen, mit dem er 1988 nach Österreich kam, und dessen Band er, mittlerweile vielbeschäftiger Schlagzeuger der Wiener Szene, seither konstant angehört.

 "Child´s Play" ist wieder so ein Wort: "Kinderspiel" ist eine vorschnelle Übersetzung, der Titel steht vielmehr für so was wie "spielerische Kindheit". Diese steht zu einen für fließende Leichtigkeit, Lockerheit, mit der auch komplexe musikalische Strukturen über die Bühne gebracht werden sollten; zum andere zu eine natürlichen musikalischen Zugang, der von Phantasie, Offenheit, Neugierde geprägt ist. Und schließlich ist damit auch jene holistische musikalische Welterfahrung gemeint, die das Video wie ein roter Faden durchzieht: Alles ist Musik, kokreter: alles kann Musik werden, wenn man sich der Materie nur entsprechende unbekümmert und kreativ
nähert.

 Die herrliche Einstiegssequenz spricht Bände: Eine mit Geschirr gefüllte Abwasch, in der zwei Hände eher unwillig ihr Werk verrichten. Eine Gabel wird plötzlich aufgenommen und an ein Teller geschlagen, einmal, zweimal, dreimal, wie um den Klang zu testen. Das Resultat scheint befriedigend: In Folgenden entspinnt sich eine ganze Percussion-Show , in die Teller, Pfannen, Töpfe und das angrenzende Immobiliar einbezogen werden - ein herzfrischend musikantisches Erlebnis.

Mit Fortsetzung: Im Zuge des Videos bearbeitet Paiva, der auch Solo-Konzerte gibt, weitere Kochtöpfe (wie eine Tabla!), Fußboden, Holzsessel und - besonderes fulminant-seinen eigene Körper, dessen Oberschenkel und Fußsohlen ein ganzes Drum-Set zu ersetzen scheinen. Und natürlich auch Trommeln: Paiva mit Klaus Gesing (Sopranosaxophon, Flöte), Reinhard Micko (Piano) und Ivan Ruiz Machado (Bass) bestücktes Quartett lässt sich mit liebvoll und detailgenau ausgearbeiten Stücken Egberto Gismontis, Hermeto Pascoals und Heraldo Dumontes hören, die trotz teilweise bewegterem Gestus den Schlagzeuger als Lyriker und Melodiker outen. Gismontis "Palhaco" setz Paiva - der Bedeutung des Tiltel entsprechend - mit Bildern aus der Zirkusarena in Beziehung: Clowns, die für ihn keine bloßen Spaßmacher sind, sondern vielmehr Existenzialisten, die den ganzen Kosmos der Gefühle, trauriger wie freudiger Art, in sich tragen.

Auch Homage an die Heimat fehlen nicht: Fernando Paiva wurde in Porto Alegre geboren, der Haupstadt des südbrasilianischen Bundesstaates Rio Grande do Sul, der von Viehzucht, den Pampa und den "südamerikanischen Cowboys", den Gauchos geprägt wird. Ein für diese Region typischer Bolhadeira -Tänzer tritt zu einer fulminanten Performance mit dem gleichnamigen, Lasso-ähnlichen Seil an, dessen an den Enden befestigte Kugeln in komplexen Rhythmen auf den Boden schlagen ("Os Gauchos"); ein Emsemble von Pifano-Flötenspielern in alten französichen Uniformen aus Caruaru in Pernambuco ist zu sehen ("Os Pifanos"), und Hermeto Pascoals "Santa Catarina", in ein stark an "Weather Report" erinnender Arrangement eingekleidet, illustrieren  Aufnahmen von den
glechnamigen Insel vor Florianópolis: Palmen, Meer, dichte Bergwälder und Menschen, Lebengesichter, Charakterköpfe sind zu sehen. Auch hier bleibt in Wort und Bild ein vitales, entdeckungsfreudiges, zugleich aber ein reflexives, gar melancholisches Moment spürbar.

Es blebt zu hoffen,dass Fernando Paivas von indianischen, spanischen und afroamerikanischen Einflüssen geprägten musikalischen Ideen in Zukunft auch auf den  Konzertbühnen stärker präsent sein werden.


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